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Auf ein Wort Februar 2012
„Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt.
Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf.
Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die anderen.“
(1.Korinther 10, 23-24)
Aufruhr an der Frischetheke!
Achaikus und Ehefrau machen ihren Wochenendeinkauf. Am Sonntagabend erwarten die beiden ein
paar Leute aus der Gemeinde zum Essen. Für Achaikus gibt es nichts Schöneres als ein Steak well
done. Also „durch“. Schon greift er zu, da fällt ihm seine Gattin in den Arm. „Bist du noch bei Trost?“
zischt sie ihm zu. „Fortunatus und Stephanas wirst du doch wohl kein Fleisch anbieten!“
Der Hausherr wird unwillig. „Wer seine Füße unter unserem Tisch ausstreckt, wird wohl essen
müssen, was darauf kommt“, brummelt er.
„Musst du denn immer provozieren?“, kontert die Gattin. „Du weißt genau, dass die beiden aus
religiösen Gründen kein Fleisch essen.
„Müssen sie doch auch gar nicht!“ Achaikus wird lauter. „Die können sich ja an den Broccoli halten.
Ich will dieses Steak!“
Die ersten Kunden werden aufmerksam.
„Ach ja? Und wer muss dann wieder das Gerede in der Gemeinde aushalten? Ich kann dir jetzt schon sagen, wer uns beim Gemeindeleiter anschwärzt“. Die Hausfrau äfft den Tonfall ihrer ganz speziellen Freundin nach: „Im Hause von Achaikus wird Fleisch gegessen! Das sollte mal auf die Tagesordnung der nächsten Gemeindestunde!“
Mittlerweile hat sich hinter den beiden ein richtiger Stau aufgebaut. „Können sich jetzt bitte endlich mal entscheiden?“ „Kann es denn jetzt mal weitergehen?“
Die Stimmung im Supermarkt wird ungemütlich. So ungemütlich, wie sie auch in der Gemeinde war, wenn es ums Thema „Fleisch“ ging.
Achaikus gibt auf. „Höchste Zeit, dass dazu mal endlich ein theologisch wasserdichtes letztes Wort
gesagt wird“, nörgelt er noch. Dann trottet er seiner Frau in Richtung Kassenzone nach.
Ja, ja, so war das damals in Korinth. Probleme hatten die! Aber man muss schon sagen: Die Sache mit dem Fleisch war wirklich ein echtes Problem:
In jedem griechischen Schlachthof gab es ein Ritual: Von jedem Stück Vieh wurde bei der Schlachtung ein kleines Stück einem der griechischen Götter geopfert. Also: mal eine Schwanzspitze für Zeus. Oder ein Rinderöhrchen für Hera. Nichts Großartiges also, was den Umsatz einbrechen ließe. Aber für die Christen lag die Frage auf dem Tisch: Ist dann nicht alles Fleisch, was auf den Märkten angeboten wird, so was wie „Götzenopferfleisch“? Und so etwas kann man doch unmöglich essen!
Darauf gibt Paulus Antwort. „Was angeboten wird, das esst. Fragt nicht lange. Forscht nicht lange
nach. Das beschwert nur eure Gewissen“, schreibt er der Gemeinde. Aber weil er weiß, dass nicht
jeder diesen sehr freiheitlichen Weg mitgehen kann, macht er eine Einschränkung: „Wenn es
jemanden stört, dann verzichtet eben darauf!“
„Alles ist erlaubt!“ Als Christ lebt man in großer Freiheit. Aber das Gewissen des anderen kann meiner Freiheit eine Grenze setzen. Freiheit kann auch darin bestehen, auf das zu verzichten, was ich doch eigentlich gut und gerne tun darf.
Das ist eine schwere Lektion. Soll ich mir denn etwa von den Engherzigen und Kleinkarierten
vorschreiben lassen, was ich darf und was ich nicht darf? Und wo kämen wir denn da hin,
wenn diese Leute die ethischen Vorgaben in der Gemeinde machen würden? Die „Diktatur der Schwachen“ ist für so manchen Großherzigen in der Gemeinde ein Schreckensszenario.
In unserer Gemeinde sind die Zeiten längst vorbei, in denen sich christlicher Lebensstil vor allem über Verbote beschreiben ließ. Die Aufgabe aber ist geblieben: Aufeinander achten, um das Miteinander nicht zu belasten!
Das Leben ist kompliziert und stellt uns immer wieder auch vor ethische Entscheidungen. Der
Monatsspruch ist ein Beispiel dafür, dass sich längst nicht alles mit Ge- und Verboten regeln lässt. Im Zusammenleben und im Zusammenspiel der Kräfte muss es sich zeigen, was der Gemeinde nützt, und was nicht. Was aufbaut, und was zerstört.
Dass Paulus das seinen Lesern zutraut! Unglaublich.
Dass Gottes Wort uns das zutraut! Höchst erstaunlich.
Ach ja – wir hätten es manchmal gerne eindeutiger. Klare Anweisungen würden uns das Nachdenken ersparen. Aber mündiges Christsein geht eben anders!
Uwe Cassens